Zeit für Entfaltung

Zeit für Entfaltung

Wenn wir an Zeit für Entfaltung denken, denken wir oft an uns frei zur Verfügung stehende Zeit. Keine Termine, keine To Do Liste und keine Verpflichtungen, die uns in unserer Kreativität einschränken. Sind wir dann endlich termin- und verpflichtungsfrei, bleibt das Gefühl der Entfaltung jedoch oftmals aus.

Terminfrei kreativ sein zu dürfen kann inspirierend, belebend und berauschend sein. Gleichzeitig kann diese Zeit von Lustlosigkeit, Stumpfsinn und Frust überlagert werden, sodass von positiv erfüllender Entfaltung jede Spur fehlt.

Ich persönlich denke es ist erstrebenswert, wenn Kinder und Erwachsene lernen, dass Zeit für Entfaltung auch innerhalb terminierter Zeiträume möglich ist. Denn zeitlich fixierte Zeiträume können Dir helfen, die eigene Komfortzone zu verlassen um aktiv zu werden. Selbst Flowerlebnisse lassen sich so kreieren. Besonders dann, wenn sich Lustlosigkeit und Bequemlichkeit in uns breitmachen und verschiedene Bedürfnisse sich gegenüberstehen, wie zum Beispiel wenn unser inneres Kind spielen will, während unser Erwachsenenich einer Aufgabe nachkommen möchte.

Die gute alte „Eieruhr“

Ich fühle mich dieses Wochenende ein wenig wie meine Kinder, wenn sie Hausaufgaben machen sollen. Wollen sie meist lieber spielen, habe ich Lust auf Faulenzen, Stricken und Hörbuch hören. Gleichzeitig wäre ich dankbar einige Aufgaben erledigt zu bekommen. Punkto Lustlosigkeit und Lernen funktioniert bei meinen Kinder die Methode mit der Eieruhr gut. Zum Lernen gibt es 10-20 Minuten konzentriertes Lernen pro Fach – basta. Bei den Hausaufgaben stellen wir dagegen im Wettlauf mit uns selbst die Stoppuhr. Für meine Kinder immer wieder herhellend festzustellen, dass sie aufgrund ihrer Lamentiererei 40 Minuten für Aufgaben benötigen, die auf dem Papier nach 2-5 Minuten Arbeit aussehen.

„Ein wahrhaft großer Mensch verliert nie die Einfachheit eines Kindes.“ (Konfuzius)

Ich sagte ja bereits, dass mein inneres Kind heute spielen will, von daher streitet es fröhlich frech mit meinem Erwachsenenich, welches ein Expose schreiben will. Ganz Mutter hole ich die Eieruhr aus der Küche und biete meinem inneren Kind an, heute und morgen  3 x 45 Minuten konzentriert zu arbeiten, um dazwischen und danach mit ihm am Sofa abzuhängen und dem Müßiggang zu frönen. Es ist ja schließlich Wochenende!

Und siehe da, 45 Minuten konzentriertes Schreiben, kein Maulen, kein Lamentieren, mein inneres Kind hat stillgehalten. Als die Eieruhr klingelt, jubelt es und treibt mich zum Sofa. Im Gegensatz zu vorher möchte es nun Picknick machen, um dann voller Elan ins nächste Projekt einzutauchen. Mein Erwachsenenich streikt, es plädiert dafür ohne Pause das Vorhaben zu beendigen, dann hätten wir wenigstens was geschafft!

Der erneute innerer Disput in mir amüsiert mich. Wer bekommt seinen Willen, wer setzt sich durch? Da das Kind in mir heute eher meine Befindlichkeit trifft, entscheide ich mich in den folgenden 45 Minuten Einheiten verschiedenen Projekten meine Aufmerksamkeit zu schenken. Nun ist Sonntagabend und ich habe mehr geschafft als erwartet, zudem hatte ich Spaß UND habe gefaulenzt.

„Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.“ (Epikur)

Die professionelle und fortgeschrittene Variante der „Eieruhr Methode“ nennt sich im Fachjargon Clustern. Dort strukturiere und plane ich meine Arbeitsmodule in Zeitfenstern und bediene sie gewissenhaft. Störung unerwünscht!

Für Menschen, die nicht gerne lange bei einer Sache bleiben, kann dies eine lebendige Art sein, um kreativ und zeitgleich zielorientiert zu arbeiten. Einfach „Schulstunde für Schulstunde“ das Projekt (Fach) wechseln und stetig weitermachen. Unter Umständen ziehen sich einige Projekte so ein wenig länger hin, aber auch das genaue Gegenteil kann der Fall sein. Ich finde das Gefühl, mehrere Projekte zeitgleich wachsen zu sehen, zudem sehr erfüllend.

Ob strukturiert eingesetzt oder spontan genutzt um der eigenen Lustlosigkeit entgegen zu treten, das Setzten einer fest umrissenen Uhrzeit hilft dabei aktiv und produktiv zu werden. Zudem ist es eine sehr effektive Methode, um dem eigenen Bedürfnis nach Zeit für Entfaltung Raum zu geben.

Wichtig dabei ist, die Kontrolle über die Zeit abzugeben. Ob Eieruhr, Handy, Wecker oder Mensch, in der bewusst gesetzten Zeit sollte Zeit keine Rolle spielen. Der eigene Blick auf die Uhr ist kontraproduktiv, solange bis die Uhr klingelt!

Erst wenn Zeit zeitlos wird, kann in der vorgegebenen Zeit Flow auftreten. Und mit dem Flowerlebnis ist Lustlosigkeit Schnee von Gestern und die nächste Zeiteinheit kann mit Leichtigkeit und Freude angegangen werden.

Es lebe die gute alte Eieruhr!